Internet-Archäologie.

Das Internet – wir alle kennen es und könnten ohne es heute nicht eine Sekunde auskommen – ist noch immer ein relativ neues Phänomen. Vor nur 20 Jahren gab es kein Google, kein Yahoo… Vor nur 12 Jahren konnte man sich nicht selbst einen Account auf Facebook erstellen, wenn man ein Student einer Universität der Ivy League war; die einzigen Tweets waren die originalen, analogen Versionen und iPhones waren ein reines Hirngespinst von Steve Job.

(Das erste iPhone tauchte erst vor 10 Jahren auf; es hatte keine Frontkamera, kein Video, kein GPS, keinen App Store! Es ist wie bei vielen Dingen heute, die wir für selbstverständlich halten – nur vor einem Jahrzehnt schienen sie einfach unglaublich fortschrittlich und verrückt!)

Dann gibt es da noch das terminologische Chaos, was das Wort „Internet“ betrifft. Mit ‚Internet‚ bezieht man sich auf alle möglichen Dinge, obwohl das Internet, streng genommen, ein Supernetzwerk ist, das eine riesige Menge an lokalen Netzwerken verbindet, die untereinander durch TCP/IP-Protokolle verbunden sind. Diese Infrastruktur verwendet das Worldwide Web, d. h. ein Netzwerk aus Millionen von Webservern aus der ganzen Welt, und da sitzen Google, Facebook und all die anderen Milliarden Webseiten.

Darauf beziehen sich nämlich diese Typen aus einem informationellen Umfeld, wenn sie Ihnen sagen, dass Sie etwas im Internet suchen sollen oder fragen, ob Sie an Ihrem Arbeitsplatz kein Internet benutzen können. Jedoch werden neben den Web- (www) Infrastrukturen alle möglichen Dinge benutzt, wie verschiedene Peer-to-Peer-Netzwerke, E-Mail, FTP-Server und andere nützliche Dinge, wie CCTV, Fernseher, ATMs, Autos und unzählige andere IoT-Geräte.

Aber ich möchte heute nicht über die Theorie und Praxis der modernen Computernetzwerke sprechen. Stattdessen möchte ich über…Archäologie sprechen! Zumindest auf eine Art und Weise. Ich möchte Ihnen etwas über Proto-Internets der Vergangenheit erzählen (im weitesten Sinne des Worts „Internet“).

Das Projekt Cybersyn (Chile)

Das Bild oben ist nicht aus einem Science-Fiction-Film, sondern ist tatsächlich eine ‚kybernetisch-synergetischer‘ Operationszentrale aus Chile in den frühen 1970ern. Projekt Cybersyn war ein Entscheidungsunterstützungssystem, mit dem die sozialistische chilenische Wirtschaft verwaltet werden sollte – überwiegend aus diesem Kontrollraum, der an Star Trek erinnert.

Projekt Cybersyn wurde während der Präsidentschaft von Salvador Allende erschaffen. Es bestand aus einem Netzwerk aus Telex-Maschinen, die sich in staatlichen Unternehmen aus dem ganzen Land befanden, die Daten mit einem Großrechner in Santiago übermitteln und empfangen würden. Mit dem System konnten komplexe Modellbildungen durchgeführt werden und es konnte mögliche Ergebnisse wirtschaftlicher Entscheidungen voraussehen. Der Raum war mit futuristischen Seseln ausgestattet, wie Sie auf dem Foto oben sehen können. Was Sie vielleicht nicht sehen können, sind der Aschenbecher und der Whisky-Glass-Halter neben den Bedienungselementen an jedem Sessel :).

Nach dem Putsch im Jahr 1973, der unter der Militärjunta unter Pinochet eingeleitet wurde, wurde dieses futuristische nationale ERP-System zerstört, zusammen mit dem Super coolen Kontrollraum :(.

Minitel (Frankreich)

In den frühen 1980ern begann in Frankreich ein Informationsnetzwerk mit dem Namen Teletel zu funktionieren, das mit speziellen Minitel-Terminals verbunden werden konnte. Dieses Netzwerk war nicht nur der Entwicklung des globalen Internets viele Jahre voraus, sondern brüstete sich auch mit massiven internetähnlichen Verbraucherdiensten. Minitel wurde zum „France-wide-web“, da Terminals KOSTENLOS waren, was zu hoher Marktdurchdringung unter Unternehmen und Öffentlichkeit führte: neun Millionen Geräte und 25 Millionen User im Jahr 1997!

Minitel-Terminal aus dem Jahr 1982

Mit Minitel (unter Nutzung einer Downlinking-Geschwindigkeit von 1.200 Bits pro Sekunde und einem Uplinking von 75 Bits pro Sekunde) konnte man Telefonverzeichnisse verwenden, Flug- oder Zugtickets buchen, auf Bankaccounts und andere Dienste zugreifen, online shoppen und in verschiedenen Foren teilnehmen. Und wie beim Internet: Erotische Dienste wurden auf Minitel sehr beliebt (einschließlich „Pink Messaging“, Chatdienste für Erwachsene). Minitel brachte auch einen Boom in Startup-Unternehmen für Plattformen hervor.

Das Verhängnis des Systems war seine Unfähigkeit sich zu ändern. Es wurden keine technischen Änderungen vorgenommen. Okay, es war in den 1980ern seiner Zeit voraus, aber einmal im 21. Jahrhundert – mit seinen Smartphones und Live-Stream-Videos – ganz genau, Sie können sich ein Bild machen (tatsächlich könnten Sie es ohne Minitel nicht :)). Also schloss Minitel im Jahr 2012 – nach ganzen 30 Jahren! – für immer. Zufälligerweise nutzten es in diesem Jahr noch Tausende von Personen (mit Zugriff auf 2.000 verschiedene Dienste) – zweifellos Personen, die Änderungen so wenig wie Minitel selbst mochten :-).

Interessanterweise waren die, denen ich die Story von Minitel erzählte, davon beeindruckt, dass es sich so lange halten konnte.

FidoNet (Global)

Fido! Vor dem Internet war es dieses Netzwerk, das einen Weg in die große digitale Welt öffnete, in der es keine Grenzen gibt und in der man mit anderen Menschen von der anderen Seite des Planeten so chatten konnte als wären sie nebenan.

source

Fido wurde in den frühen 1980ern in den USA geboren und hatte Mitte der 90er in manchen Ländern einen Kultstatus erreicht.

Technisch gesehen ist Fidonet ein Netzwerk, das viele verschiedene Mailboxen (bulletin board systems) (BBS) verbindet. Dateien in Fido konnten normalerweise nur über verschachtelte Wege verbreitet werden, aber wir nutzten es z: B., um offizielle Updates von Beginn bis Mitte der 1990er zu verteilen! Ich denke, dass wir zu dieser Zeit die schnellsten Updates weltweit hatten!

Im Gegensatz zu anderen Vor-Internet-Kollegen, gibt es Fido noch immer, aber in einem geringeren Maß als noch damals.

ARPANET (USA)

Der direkte Vorfahre des heutigen Internets, ARPANET, war ein Computernetzwerk, das von der Advanced Research Projects Agency des Verteidigungsministeriums der Vereinigten Staaten erschaffen wurde (damals ARPA; heute: DARPA). ARPANET war das zweite Computernetzwerk weltweit, das auf Paketvermittlung basierte (das erste wurde in Großbritannien entwickelt, was später mit ARPANET verbunden war). Das Netzwerk implementierte auch als erstes die TCP/IP-Protokoll-Familie, die zur technischen Grundlage des Internets wurde.

Die erste historische Verbindung mit ARPANET wurde1969 zwischen UCLA und dem Stanford Research Institute hergestellt. Das erste Wort, das übertragen werden sollte, war ‚login‘; jedoch brach das System schon nach ‚lo‘ zusammen. Dadurch war die erste übermittelte Nachricht ‚lo‘. Eine Stunde später wurde das vollständige Wort ‚login‘ versendet. Seit diesen holprigen Versuchen ist das Netzwerk schnell gewachsen; einige Jahre später waren die meisten der US-amerikanischen Forschungszentren verbunden:

Ein paar Jahre später, im Jahr 1973, waren Norwegen und Großbritannien mit ARPANET verbunden. 1975 wurde ARPANET als „operativ“ bezeichnet.

Hier finden Sie eine Werbeanzeige für den PDP-11, das System, das an der University of Illinois eine Verbindung mit ARPANET herstellte:

Das Netzwerk wurde von Anfang an so entwickelt, dass seine einzelnen Teile funktionieren konnten, selbst wenn die Verbindung zu anderen Teilen unterbrochen wurde. Dadurch konnte es entweder einen Nuklearangriff überstehen oder durchgängige Funktion trotz instabiler Verbindung beibehalten.

1971 wurde die erste E-Mail über ARPANET versendet. 1973 wurde die erste Datei mit dem gerade entwickelten File Transfer Protocol versendet. Später, im Jahr 1973, brachte der legendäre Wurm Morris ARPANET durch eine Art DDoS zum Zusammenbruch.

Zufällig gab es neben ARPANET noch ein weiteres US-Computernetzwerk – NSFNET (1985-1995) – das Forschungszentren aus dem ganzen Land verband. Es entwickelte sich schließlich zum größten Teil des Internet-Backbone.

1990 wurde ARPANET stillgelegt. Bis zum Ende war ARPANET übrigens ein reines (US-) Militärnetzwerk.

Was noch?

Neben den oben genannten vier Netzwerken, gab es noch viele andere internetähnliche militärische, zivile, Forschungs- oder kommerzielle Netzwerke. Aber für mich waren diese vier die ausschlaggebendsten. Sollten Sie dennoch andere Netzwerke kennen, die hier erwähnt werden sollten, dann lassen Sie es mich bitte in den Kommentaren wissen. Für das interessanteste, erstaunlichste und/oder ungewöhnlichste Netzwerk gibt es von mir einen Preis!

Kommentare lesen 0
Hinterlassen Sie eine Nachricht.
  • RT @campuscodi: Norsk Hydro, one of the world's largest aluminium producers, revealed today that it "became victim of an extensive cyber-at…
    10 Stunden ago